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Usability für moderne Medizingeräte: Eine Basis für nachhaltigen Erfolg

06-03-26 | Technologien & Trends

Moderne Medizinprodukte sind wesentlich besser auf den Nutzer abgestimmt als noch vor ein paar Jahren. So erinnert zum Beispiel die aktuelle Benutzeroberfläche von einigen Monitoring-Geräten durch Multi-Touch und Pinch-to-Zoom an die Bedienung von Smartphones – intuitiv und einfach. Dies zeigt deutlich, dass sich die Medizintechnik stark in Richtung Nutzerfreundlichkeit und Bedienbarkeit entwickelt. Aus dieser Entwicklung heraus erhält das Usability Engineering eine völlig neue Bedeutung für unsere Branche.

Was bedeutet Usability Engineering?

Grundsätzlich versteht man unter Usability Engineering die gezielte Betrachtung und Entwicklung der Schnittstellen zum Nutzer. Nutzerschnittstellen sind alle Interaktionspunkte zwischen dem Produkt und dem Nutzer oder auch dem Patienten. Dies umfasst offensichtliche Bedienelemente wie z.B. Knöpfe, Audioausgaben oder den Bildschirm. Weniger erkennbare Schnittstellen sind z.B. die Form, das Material des Gehäuses oder auch grafische Anleitungen darauf. Während der Entwicklung ist es enorm wichtig, diese Punkte klar zu benennen und kontinuierlich bewusst zu entwickeln. Änderungen in späteren Entwicklungsphasen sind oftmals schwer, kaum möglich oder sehr kostenintensiv.

 

Wie setzt man Usability in der Praxis optimal um?

Das Usability Engineering sollte bereits während der Definition der Produktanforderungen, also vor Beginn der Entwicklungsphase, mit eingebunden werden. Das heißt: Anforderungen an die Nutzerschnittstellen müssen gleichgestellt zu den anderen Produktanforderungen behandelt werden. Mit diesem Schritt wird sichergestellt, dass bei durchgeführten Nutzerbefragungen die Usability direkt mitbetrachtet wird. Sobald ein erstes Produktkonzept vorliegt – oder der Product Owner bzw. Produktmanager ein grobes Bild des Produkts hat – sollten die Use Specification erstellt werden. Dieses Dokument dient als Ausgangspunkt der Dokumentation und beschreibt das Produkt grundlegend aus der Perspektive der Gebrauchstauglichkeit.

Die Betrachtung und Bewertung der Nutzerschnittstellen des Produktes sollte parallel zur Entwicklung, im Rahmen der formativen Evaluation stattfinden. Die dafür angewendeten Methoden können variieren, so macht es z.B. Sinn, erste kleinere Usability-Tests mit einem Funktionsmuster durchzuführen, welches bereits die relevanten Funktionen und Schnittstellen implementiert hat. Die gewonnenen Erkenntnisse sollten dann direkt wieder in die Entwicklung und zur Verbesserung des Produktes einfließen.

 

Risiken früh erkennen – auch ohne Prototyp

Auch wenn es noch kein physisches Produkt gibt, mit dem getestet werden kann, ist es dennoch möglich die definierten Funktionen und Interfaces theoretisch zu betrachten und potenzielle Schwachstellen zu erkennen. Eine gute Methode dafür ist beispielsweise der Cognitive Walkthrough, bei dem ein Moderator einen Nutzer oder Experten durch die Tasks führt, um zu bewerten, ob diese für den Nutzer verständlich sind.

Weitere Möglichkeiten zur Bewertung der Usability sind u.a. folgende Methoden:

Brainstorm Use Scenarios

Mehrere Personen brainstormen unabhängig voneinander mögliche Tasks sowie Use Scenarios

Expert Review

Usability oder Produktexperten bewerten die Nutzerschnittstellen um mögliche Risiken zu identifizieren

Function Analysis

Bewertung welche Tasks vom Medizinprodukt oder vom Nutzer bestmöglich ausgeführt werden können und anschließende Zuweisung der Tasks

Usability-Test

Simulation der tatsächlichen Nutzung des Produktes (in realem Nutzungsumfeld mit repräsentativen Nutzern)

 

Summative Evaluation – Nachweis der Gebrauchstauglichkeit

Am Ende steht die summative Evaluation. Dabei wird abschließend bewertet, ob das Produkt frei von unakzeptablen Nutzerrisiken ist (z.B. Behandlungsverzug durch einen sehr schlecht einzusteckenden Stecker (USB vs. D-SUB)). Dazu müssen alle Funktionen final implementiert sein. Diese Bewertung wird meist über Usability-Tests mit tatsächlichen Nutzern umgesetzt. Die Ergebnisse der summativen Evaluation sind in einem Report zu sammeln, der die entwicklungsbegleitenden Usability-Betrachtung abschließt.

Aber auch nach erfolgreicher Zulassung und Markteintritt, sollte die Usability nicht vernachlässigt werden. Denn über den gesamten Lebenszyklus hinweg, können über Rückmeldungen aus dem Feld sehr einfach entscheidende Verbesserungspotenziale für das aktuelle Produkt oder folgende Generationen identifiziert werden.

 

Usability als Basis für nachhaltigen Erfolg

Ein von Beginn an gut durchdachter Usability-Ansatz ist ein zentraler Erfolgsfaktor für moderne Medizinprodukte. Wer Nutzerschnittstellen frühzeitig definiert und ihre Weiterentwicklung konsequent verfolgt, reduziert Mehraufwände und vermeidet teure Änderungen in späten Phasen. Usability schafft damit nicht nur die Grundlage für ein sicheres Produkt, sondern auch für ein Produkt, das seine Nutzer überzeugt und so langfristig erfolgreich am Markt platziert werden kann.